Das Christianeum ist in einem markanten, denkmalgeschützten Gebäude untergebracht, das den einen eine Design-Ikone ist und andere zunächst vor Fragezeichen stellt. Es lohnt daher ein Blick auf die Architektur der Schule in Verbindung mit ihrer Geschichte.

Auffallend am Bau, der nach Plänen von Arne Jacobsen (1902–1971) und Otto Weitling (*1930) errichtet wurde, sind die schmalen Betonträger, die auf den Stützen zu schweben scheinen und sich als außenliegendes Raster über das gesamte Gebäude spannen. Während die Tragkonstruktion aus Beton ist, bestehen die Außenwände überwiegend aus Glas und werden von den sichtbaren Überzügen gehalten, was in der Nutzung eine Flexibilität ermöglichen sollte. Auch im Inneren dominiert die klare Linienführung, deren Einfachheit schnell zu erfassen ist. Die pavillonartigen Klassenräume im Obergeschoss und die Fachräume im Erdgeschoss werden von der Sporthalle im Osten und der Aula im Westen flankiert.

Bei der Innenraumgestaltung wird das originale Farbspektrum von Gelb- und Sandtönen über Rot, Blau, Grün und Petrol bis zu den dunkelgrauen Fensterumrahmungen erkennbar. Auch wesentliche Elemente der Beleuchtung sowie zahlreiche Einrichtungsgegenstände und Details im Gebäude stammen von Jacobsen.

„Der Bauherr ist durch die Beweiskraft technischer Disziplinen bequem geworden. Er misstraut jedem ästhetischen Argument, das nie logisch beweisbar sein wird. So lange aber Ästhetik in unserer Gesellschaft geringgeachtet wird, kann keine gute, wahrhaft funktionelle Architektur entstehen.“

Arne Jacobsen, Richtfest des Christianeums III am 26.02.1970

Aller guten Dinge sind drei

Nachdem das erste Gebäude an der Schulstraße in Altona gut 200 Jahre genutzt worden war und auch mit einer in der wilhelminischen Zeit entstandenen Erweiterung den Erfordernissen nicht mehr genügte, musste das Christianeum umziehen. Es nutzte ab 1936 einen großen, bauhausinspirierten Neubau in Bahrenfeld/Othmarschen an der Behringstraße, die damals Roonstraße hieß. Das Gebäude war 1930/31 als Hochschule für Lehrerbildung geplant und begonnen und infolge der Wirtschaftskrise im Rohbau stillgelegt worden. 1934 bis 1936 wurde es für das Christianeum fertiggestellt. Die Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs überstand das neue Schulgebäude kaum beschädigt; von Mai bis Oktober 1945 diente es als Sitz der britischen Militärkommandantur. Anfang der 1970-er Jahre musste das Schulgebäude dem Bau des damals neuen Elbtunnels auf der Autobahn A7 weichen.

„Als das Christianeum 1964 erkennen musste, dass sein jetziges Gebäude aus der Bauhauszeit trotz aller Bemühungen nicht zu erhalten war, kam in der Schule und unter der Elternschaft der Gedanke auf, die Stadt Hamburg zu bitten, für den Neubau (…) einen Wettbewerb auszuschreiben. Unsere „dänische Vergangenheit“ legte es nahe (…), dass für diesen Wettbewerb auch skandinavische Architekten gewonnen werden. Zu unserer Freude war auch Arne Jacobsen bereit, an dem Wettbewerb teilzunehmen. Er erhielt mit dem ersten Preis den Bauauftrag.“

Schulleiter Oberstudiendirektor Hans Kuckuck im Vorwort zum Heft „Christianeum“ 2/1970

Seit 1971 ist unser Gymnasium an der Otto-Ernst-Straße 34 in dem funktionalistischen Bau beheimatet. Aufgrund von Urheberrechten und Denkmalschutzauflagen darf er baulich nicht über die im Entwurf vorgesehene Gebäudeflexibilität hinaus verändert werden. Das Konzept sah allerdings die Veränderbarkeit der Innenräume vor, da Außenträger das Gebäude stützen und tragende Wände deshalb bis auf wenige Ausnahmen nicht nötig sind. Die Auflösung der Außenwände in Verglasungen erlaubt überdies auch in fast allen Gängen den Ausblick nach draußen. Durch die Betonträgerkonstruktion ergibt sich eine markante äußere Ästhetik des Baus, über die auch gern kontroverse Diskussionen geführt werden.

Architekturportrait

Die Architektur des Christianeums ist in diesem Portrait mit Erläuterungen dargestellt.

Architekturführungen

In Abständen werden Architektur-Führungen angeboten.

Die nächsten Termine:

Donnerstag, 30.06.2022, um 17:00 Uhr für Interessierte in der Schulgemeinschaft
Diese Führung muss verschoben werden, vorauss. auf den 01.07.2022 (Nachmittag, vor der Abientlassungsfeier). Weitere Infos folgen in Kürze.

Samstag, 10.09.2022, um 11:00 Uhr und um 13:00 Uhr Führungen im Rahmen des Tages des offenen Denkmals

Freitag, 30.09.2022, um 17:00 Uhr für Interessierte in der Schulgemeinschaft

Infos und Anmeldung bei dirk.schoch(a)sutorbank.de

Die Idee dahinter verstehen... Jacobsens Christianeum für Kinder erklärt

Das Portal des ersten Schulhauses steht vor dem Haupteingang unseres heutigen Schulgebäudes und zeigt das Jahr 1721. Was hat es wohl alles schon miterlebt…? Gegenüber, auf dem großen Relief-Mosaik, kannst du alle drei Gebäude des Christianeums erkennen – denn es ist in über 250 Jahren mehrfach umgezogen.

Das heutige Schulgebäude unseres Christianeums ist auffällig! Es wurde von dem bekannten dänischen Architekten Arne Jacobsen (1902-1971) und seinem Geschäftspartner Otto Weitling (*1931) geplant und gebaut. Jacobsens Stil und sein Design sind aus seinem Interesse an der Natur und den Menschen entstanden und sind weltberühmt. In seinen Bauprojekten ging es nicht nur um die Errichtung von Gebäuden; Arne Jacobsen schuf sogenannte Gesamtkunstwerke, bei denen er auch die Einrichtung bis ins Detail – z.B. Sessel, Stühle und Schränke oder auch Lampen, Gärten, Wasserhähne und Besteck – gleich dazu gestaltete, damit alles nach seiner Leitidee zusammenpasste. Auch im Christianeum wurden zahlreiche Details wie u.a. die Beleuchtung und manche Möblierungen von Jacobsen gestaltet.

Die Architektur von Arne Jacobsen wird dem sogenannten Funktionalismus zugerechnet, also einer Denkweise im Bereich Architektur und Design, die technische und nützliche Aspekte betont. Ornamente, Schnörkel oder Dekor treten dabei in den Hintergrund.

Das Besondere an dieser Architektur des Christianeums ist die einfache Konstruktion aus Beton und Glas: Hier sind die Wände nämlich an Balken aufgehängt! Viele einzelne Stützen tragen schmale Betonbalken, sodass sich ein Rahmen bildet. Durch Befestigungsmöglichkeiten an jedem einzelnen Betonbalken sind die Außen- und Innenwände in das Stützensystem eingehängt, statt aufgeschichtet. Aus diesem Grund ist auch etwas Ungewöhnliches möglich: Alle Gebäude-Ecken im Obergeschoss sind aus Glas-Elementen gebaut. Die Ecken müssen also nicht, wie sonst bei Gebäuden, schwere Last tragen, sondern das Gewicht der Wände und Fenster wird auf die Stützen, die sich über die ganze Grundfläche ziehen, verteilt. Theoretisch könnte man die Gebäudeteile von Stütze zu Stütze versetzen.

Im oberen Geschoss liegen dein Klassenraum und die anderen Klassenräume wie Pavillons beieinander, unten sind die von allen Jahrgängen genutzten Fachunterrichtsräume verteilt. Du kannst in ein und demselben Gebäude sowohl Gemeinschaft, wie etwa in der Pausenhalle, als auch konzentriertes Arbeiten, wie in den Fach- oder Klassenräumen erleben. Genau das war die Grundidee von Jacobsen und Weitling. In diese große, übergreifende Gebäudestruktur sind auch die Aula und die Sporthalle integriert.

Also, wenn du das nächste Mal auf einem der Pausenhöfe nach oben guckst und die untere Seite der Betonträger genau betrachtest, wirst du die sogenannten „Aufnahmen“, also die Löcher für mögliche Befestigungen sicher erkennen – und vielleicht überlegen, was mit Betonträgern und Glas noch möglich wäre…

Mehr? Wenn Du mehr wissen möchtest, nimm gern einmal deine Familie mit auf diesen Spaziergang rund um das Schulgebäude.

hamburger bauheft: „Drei Standorte, ein Christianeum 1721-2021"

Das im Sommer 2021 erschienene „hamburger bauheft“ Nr. 36 widmet sich dem Christianeum. Es beschreibt die Gebäude an den drei Standorten des Gymnasiums: Angefangen um 1721 mit ersten Barockbauten in der Altonaer Altstadt, dem dortigen Umbau bis 1904, über den Umzug 1936 in das neusachliche Gebäude an der heutigen Behringstraße bis zum „funktionalistischen“ Neubau 1971 in Othmarschen.

Der Bau der Autobahn und der damit verbundene Abriss des Vorgängergebäudes erforderten den Neubau, der nach einem Wettbewerbsentwurf des dänischen Architekten Arne Jacobsen ausgeführt wurde, womit das Christianeum auch architekturhistorisch eine einzigartige Stellung einnimmt, wie Dirk C. Schoch eindrücklich darstellt. Ebenso repräsentiert das Christianeum eine Jahrhunderte umfassende, in ihrer Entwicklung spannende Kulturgeschichte des Schulwesens, wofür die vorhergehenden, mit seinem Namen verknüpften „Erziehungsanstalten“ stehen. Sie werden von Dirk Hempel vorgestellt und umfassend erläutert. Das Heft ist mit zahlreichen historischen Fotos der unterschiedlichen Gebäude versehen – wobei vor allem die Aufnahmen des vergessenen, als Pädagogische Akademie im Stil der Neuen Sachlichkeit errichteten Baus am zweiten Standort überraschen. Aktuelle, bei Schneelage erstellte Fotografien des Jacobsen-Gebäudes von Dorfmüller/Klier runden das Heft visuell ab.

Nr. 36 aus der Reihe „hamburger bauhefte“, ISBN 978-3-944405-56-8, 68 Seiten, 9,- €.
Das Heft ist erhältlich im Buchhandel oder beim Schaff-Verlag.

Rückblick: 50 Jahre am Standort Otto-Ernst-Straße - ein Tag für Arne Jacobsen und Otto Weitling

Geöffnete Türen, ein Programm für architektur- und design-interessierte Gäste und eine Feierstunde in der Aula standen im Mittelpunkt unseres Architektur-Tages am Sonntag, 14.11.2021. Die Besucher nutzen die Gelegenheit, um in entspannter, einladender Atmosphäre Eindrücke rund um die faszinierenden Konstruktionsprinzipien Jacobsens und Weitlings zu gewinnen, sich an den mit Praxisarbeiten von Schülerinnen und Schülern bestückten Vitrinen zu erfreuen, per Kinder-Rallye, geführten Besichtigungen oder DIY-Führung im und um das Schulgebäude zu schlendern  und sich im MiC mit dänischen Köstlichkeiten zu stärken.

Am gleichen Tag wurde die Wanderausstellung „Gesamtkunstwerke“ im Jenisch-Haus eröffnet (zu sehen bis April 2022), und auch das Arne Jacobsen Haus in der City-Nord konnte besucht werden.

Architektur-Impressionen

Ausstellung „Gesamtkunstwerke"

Das Christianeum ist eines der acht Bauwerke Arne Jacobsens und Otto Weitlings in Deutschland, und darunter der einzige Schulbau. Es ist Teil der Wanderausstellung „Gesamtkunstwerke“, die von November 2021 bis April 2022 auch in Hamburg im Jenisch-Haus Station machte. Aktuell ist die Ausstellung vom 23.4. bis 28.8.2022 auf Fehmarn zu sehen (Haus des Gastes, Burgtiefe) – ein Ausflug lohnt sich!
Zur Ausstellung gehört auch ein Katalog mit Essays und Portraits zu den Bauwerken. Weitere Informationen unter gesamtkunstwerke.eu

In English

Arne Jacobsen’s architecture: The Christianeum in Hamburg

The grammar school Christianeum is housed in a remarkable building, which, for some, is a feast for the eyes as well as it initially poses question marks for others. It is therefore worth taking a look at the architecture of the school in connection with its history.

What is striking about the building, which was erected according to plans by Arne Jacobsen (1902–1971) and Otto Weitling (*1930), are the compact girders that seem to float on the supporting parts and stretch over the entire building as a visible, external grid. While the supporting structure is made of concrete, the outer walls are mainly made of glass and are held in place by the external coverings, which should allow extensive flexibility in use. The interior is also dominated by the clear lines, the simplicity of which is easy to grasp. The pavilion-like classrooms on the upper deck and the specialist rooms on the lower deck are flanked by the sports hall in the east and the auditorium in the west.

The grammar school at Otto-Ernst-Straße 34 in Hamburg has been housed in this functionalist Arne Jacobsen building since 1971. The building is listed as protected and may not be structurally altered beyond the building flexibility envisaged by the author of the design. The concept, however, provided for the interior spaces to be changeable, as external beams support the building and, with a few exceptions, therefore, load-bearing walls are not necessary. The dissolution of the outer walls in glazing also allows a view of the outside in almost all corridors.

In the interior design, the original color spectrum from yellow and sand tones on the walls through red, blue and petrol on doors and railings to dark gray window frames can be seen. Numerous furnishings and details in the listed building were also designed by Jacobsen.

Christianeum’s history is Danish

The history of the Christianeum itself dates to 1664 when a first precursor of the school was founded. At that time, the former city of Altona (nowadays part of the city of Hamburg) in which the school was founded, was under sovereignty of the Danish king. The Christianeum was founded in 1738 and given its name in 1744 by Danish King Christian VI. When – with a timeskip – a new school building needed to be planned in the 1960s when Hamburgs urban planners needed space for the Autobahn, the “Danish past” suggested that also Scandinavian architects should be invited to the competition. Clearly visible, Arne Jacobsen and Otto Weitling were the architects who realized the project.

The Christianeum is one of the eight buildings by Arne Jacobsen and Otto Weitling in Germany, and among them the only school building.